Einführung

Seit einigen Jahren rückt das Handwerk als kultureller Wert in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Vor allem seit Ratifizierung der UNESCO-Konvention zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes im Jahr 2003 ist das allgemeine Interesse der Forschung am Handwerk gestiegen, da jetzt auch Handwerkstechniken in die Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen werden. Archive und Museen, an denen in den letzten Jahren mehrere Ausstellungen zum Handwerk gezeigt wurden, begreifen das Handwerk immer stärker als ein kulturelles System, das Geschichte und Identität unserer Gesellschaft in Deutschland und Europa ganz entscheidend prägt. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks unterstützt diese Diskussion nicht zuletzt deshalb, weil hier neben wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fragen auch die kulturelle und gesellschaftliche Dimension des Handwerks sichtbar wird.

Die Europäische Kommission hat das Jahr 2018 zum Europäischen Kulturerbejahr erklärt und ruft alle Partner unter dem Motto "sharing heritage" auf, mitzuwirken, um mit ihren Aktivitäten das Verbindende im kulturellen Erbe Europas zu erschließen. Die Sonderschau Exempla der Internationalen Handwerksmesse München wird sich aus diesem aktuellen Anlass im Jahr 2018 dem Thema "Handwerk und das kulturelle Erbe" widmen.

Die "Exempla" wird inhaltlich wichtige Merkmale einer Kultur des Handwerks vorstellen. Diese können sich im Bereich des Welterbes auf die Erhaltung und Pflege von Denkmälern beziehen, es können im Bereich des Immateriellen Kulturerbes die Erhaltung und Fortführung bestimmter Handwerkstechniken sein. Als wesentliches Merkmal der handwerklichen Ausbildung soll auf das duale Ausbildungsprinzip hingewiesen werden. Zudem werden das selbstständige Unternehmertum, Mobilität, Nachhaltigkeit, Innovationskraft und Individualität weitere Charakteristiken des Handwerks in der Sonderschau "Exempla 2018" darstellen.

Weltkulturerbe
Die UNESCO hat 1972 das "Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt" (die sog. Welterbekonvention) verabschiedet. Inzwischen haben 193 Staaten das Übereinkommen unterzeichnet. Es ist das international bedeutendste Instrument, das jemals von der Völkergemeinschaft zum Schutz ihres kulturellen und natürlichen Erbes beschlossen wurde. Die UNESCO-Liste des Welterbes verzeichnet über 1000 Natur- und Kulturstätten weltweit. Bei der Konservierung und Restaurierung von Monumenten, die zum UNESCO-Welterbe gehören, ist das Handwerk von großer Wichtigkeit und an vielen Projekten beteiligt. Ohne das Handwerk wäre der Erhalt dieser Kulturschätze nicht möglich.

Deutschland ist mit 41 Welterbestätten auf der Liste vertreten. Eine davon ist die Altstadt von Bamberg, sie wurde 1993 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Die hervorragend erhaltene Altstadt umfasst die drei historischen Stadtbezirke Berg-, Insel- und Gärtnerstadt. Alle drei gehören zum 142 Hektar großen UNESCO-Welterbe und repräsentieren in einzigartiger Weise die auf frühmittelalterlichen Grundstrukturen aufbauende mitteleuropäische Stadt. Im Jahr 2018 feiert Bamberg das 25-jährige Jubiläum als Weltkulturerbe und eröffnet ein neues Welterbezentrum. Die Exempla wird weitere Weltkulturerbestätten aus Deutschland und Europa, wie den Aachener Kaiserdom oder die Berliner Museumsinsel verbunden mit spezifischen handwerklichen Leistungen, die zum Erhalt dieser Kulturstätten gebraucht werden, vorstellen.

Dabei kommen Handwerksbetriebe, die sich in der Denkmalpflege bewährt und profiliert haben zum Einsatz, wie etwa die Firma Haber & Brandner, Metallrestaurierung. Haber & Brandner mit Sitz in Regensburg und Berlin hat sich zu einer international anerkannten Werkstatt für Metallrestaurierung entwickelt. Ein Schwerpunkt der Firma liegt bei Metallobjekten in der Baudenkmalpflege. In diesem Zusammenhang hat Haber & Brandner an der Restaurierung einer Vielzahl von Objekten aus dem Weltkulturerbe mitgewirkt, so zum Beispiel am Neuen Museum in Berlin oder an den Türen des Kölner Domes.

Der Aachener Dom ist ein kunsthistorisches Ensemble von europäischer Bedeutung und gehört zum Weltkulturerbe. Als Kaiserdom mit der einzigartigen karolingischen Pfalzkapelle, die auf byzantinische Vorbilder zurückgeht, ist er ein herausragendes deutsches Baudenkmal. Es bedarf immer wieder vielerlei Anstrengungen, um dieses wundervolle Erbe zu erhalten. In den letzten 30 Jahren wurde die Grundinstandsetzung des Domes geleistet.

Im Jahr 2017 wurde die Sanierung des Bleidaches durchgeführt. In der Exempla 2018 wird die Aachener Dombauhütte, verbunden mit ausgewählten Handwerksbetrieben, die bei der Erhaltung des Bauwerkes eine Rolle spielen, präsentiert.

Immaterielles Kulturerbe
Deutschland trat im Jahr 2013 dem Übereinkommen zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes bei, das 2003 von der UNESCO erlassen wurde. Die Formen des Immateriellen Kulturerbes sind entscheidend von menschlichem Wissen und Können getragen. Sie sind Ausdruck von Kreativität und Erfindergeist, vermitteln Identität und Kontinuität. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben und fortwährend neugestaltet. Die Gesellschaften in Europa und weltweit sind tief von immateriellen Kulturformen geprägt. Unter diesen Voraussetzungen wurden auch Handwerkstechniken in das Immaterielle Kulturerbe aufgenommen, wodurch der kulturelle Wert des Handwerks eine eindeutige Anerkennung fand.

In Deutschland wurden bisher u. a. die traditionellen Handwerkstechniken der Blaudruck, das Reetdachdecken, das Flechthandwerk, die Mal-, Fass- und Vergoldetechniken des Kirchenmalers, die Porzellanmalerei, das Spitzenklöppeln im Oberpfälzer Wald, der hessische Kalkputz, die Töpfertradition Westerwälder Steinzeug und der Orgelbau in die Liste des Immateriellen Kulturerbes eingetragen, außerdem wurden die Oberammergauer Passionsspiele und die deutsche Brotkultur darin aufgenommen.

Die "Exempla 2018 – Handwerk und das kulturelle Erbe" wird zu diesen Handwerkstechniken Betriebe aus den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands, Österreichs, Japans und Frankreichs vorstellen. Dabei wird in lebenden Werkstätten besonderer Wert auf die Darstellung der überlieferten Handwerkstechniken gelegt.

Die Auseinandersetzung mit dem Immateriellen Kulturerbe zeigt deutlich, wie wichtig dieses für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist. Bräuche sind dabei von großer Bedeutung. Das Oberammergauer Passionsspiel wurde als solcher im Jahr 2014 in die bundesweite Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Seitdem Christoph Stückl, der Intendant des Münchner Volkstheaters, Spielleiter in Oberammergau wurde, ließ er weit über 6000 Kostüme produzieren, die handwerklich hergestellt werden. Die Damenmaßschneiderin und Kostümbildnerin Ingrid Jäger schuf bereits für drei Passionsaufführungen die Kostüme, Nicki Marquardt aus München für die Passion 2000 die Hüte, die Modistin Heike Thamm aus München die Kopfbedeckungen für 2010.

Die französische Gesellenvereinigung Compagnons du Devoir, Immaterielles Kulturerbe Frankreichs, unterstützt junge Handwerker auf ihrer Wanderschaft, der "Tour de France", und bietet ihnen weit mehr als eine berufliche Aus- und Weiterbildung. Diese Wanderschaft gibt Gesellen Gelegenheit, von einer seit dem Mittelalter bestehenden Handwerkstradition zu profitieren. Man sammelt neue Erfahrungen in verschiedenen Städten und Handwerksbetrieben und erhöht die persönlichen und beruflichen Chancen. Die Häuser der Compagnons du Devoir findet man in vielen französischen Städten. Sie bieten Unterkunft und Treffpunkt zugleich. In den angegliederten Schulungsstätten finden regelmäßig Abendkurse und Seminare statt. In der Exempla 2018 werden die Compagnons du Devoir den Beitrag zur Mobilität im Handwerk bestreiten und zeigen, dass das Arbeiten über die eigenen Landesgrenzen hinaus ein im Handwerk schon lange gelebtes Prinzip ist.

Washi - aus dem Land der lebenden Nationalschätze
Japan ist bekannt dafür, seine handwerklichen Techniken und Traditionen besonders zu schützen und zu pflegen. Hoch verdiente Handwerker können in Japan den Status des lebenden Nationalschatzes erlangen. Diese besondere Auszeichnung erreichen nur wenige. Sie führt dazu, dass der Träger dieses Titels eine Pension vom Staat erhält, um sich frei von ökonomischen Zwängen ganz seiner Handwerkskunst zu widmen. In Japan wird das kulturelle Erbe des Handwerks als staatsverpflichtend angesehen. Aus diesem Grund wurde auch ein Beitrag aus Japan in die "Exempla 2018 – "Handwerk und das kulturelle Erbe", aufgenommen.

Washi, in Deutschland auch Japanpapier genannt, ist handgeschöpftes, durchscheinendes Papier aus Japan. Die Herstellung von Tesuki Washi wurde von der UNESCO in die Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Japanpapier in seiner Vielfalt ist für die unterschiedlichsten technischen und handwerklichen Anwendungen geeignet. So haben Japanpapiere seit vielen Jahrzehnten ihren festen Platz z. B. bei der Restaurierung, Buchbinderei und hochwertigen Handdrucken gefunden. In der Exempla 2018 wird die renommierte Werkstatt von Koji Shibazaki aus Nagakute die Fertigung von Washi demonstrieren und zeitgenössische Anwendungsbeispiele ausstellen.

Kulturerbe Handwerk
Der Beitrag des Handwerks in unserer Gesellschaft und in unseren künstlerischen, kreativen Äußerungen ist so prägend, dass Handwerk selbst als ein Kulturfaktor verstanden werden kann, den unterschiedliche Faktoren charakterisieren.

Selbständiges Unternehmertum Das selbstständige Unternehmertum, das verantwortungsvolle, selbstbestimmte Führen eines Betriebes ist ein wesentliches Merkmal des Handwerks und zugleich eine wichtige Säule der Wirtschaft in Deutschland. In der Exempla 2018 werden Betriebe aus unterschiedlichen Bereichen des Handwerks vorgestellt, die diesem Kriterium in vorbildlicher Weise entsprechen.

Das duale Ausbildungssystem in Deutschland
Das duale Ausbildungsprinzip ist ein wesentlicher Eckpfeiler des Handwerks in Deutschland und somit auch bedeutend für die gesamte Kultur des Handwerks. Grundlage dafür bieten die Ausbildungsbetriebe des Handwerks, die dafür sorgen, dass dieses Prinzip aufrechterhalten wird. Stellvertretend für die vielen Ausbildungsbetriebe wird in der Exempla 2018 der Metallbaubetrieb von Martin Breidenbach aus Peiting in Oberbayern vor-gestellt. Der Betrieb wurde 1946 gegründet und ist vorwiegend in der Gestaltung architekturbezogener Metallarbeiten tätig. Dabei wird großer Wert auf Gestaltung als Qualitätsmerkmal gelegt. Im Jahr 2006 erhielt der Betrieb dafür bereits den Bayerischen Staatspreis auf der Internationalen Handwerksmesse. Ein wesentlicher Aspekt in der Struktur und Führung des Betriebes liegt jedoch in der Ausbildung von jungen Menschen. Derzeit sind neun Auszubildende bei Breidenbach. In der Exempla 2018 wird der Metallbaubetrieb mit einer lebenden Werkstatt und einem Teil seiner Lehrlinge das duale Ausbildungsprinzip im Handwerk repräsentieren und auf seine Vorzüge hinweisen. Metallbau Breidenbach hat auch am Berliner Dom Arbeiten ausgeführt und die Rüstungen für die Oberammergauer Passionsspiele gefertigt.

Fortbildung im Handwerk
Das Europäische Zentrum für Berufe in der Denkmalpflege ist in der Villa Fabris in Thiene bei Vicenza beheimatet. Dort können Handwerker ihre Fertigkeiten und Kenntnisse der Restaurierung im historischen Ambiente vertiefen. Im Lehrsaal, in den Werkstätten und auf Restaurierungsbaustellen in Thiene und Umgebung setzen sich die Teilnehmer mit Erhaltungskonzepten, Baugeschichte, Dokumentation, alten und neuen Materialien und Techniken auseinander. Das Gewerke übergreifende Lernen erlaubt einen intensiven fachlichen Austausch sowohl mit deutschen Kollegen als auch mit Teilnehmern aus anderen Ländern. Für den Unterricht bei internationalen Dozenten und die Exkursionen in bedeutende italienische Städte stehen Dolmetscher zur Verfügung. Die Exempla 2018 möchte dieses Zentrum und sein Fortbildungsprogramm mit einer lebenden Werkstatt vorstellen.

Nachhaltigkeit
Kein Land ist so bekannt für die Herstellung von Uhren wie die Schweiz. So wurde von der Schweiz im Jahr 2014 auch der Antrag gestellt, die Herstellung von Uhren als Immaterielles Kulturerbe zu ehren. Der Beruf des Uhrmachers ist sehr komplex. Er beschäftigt sich mit Herstellung, Montieren, Demontieren und Reparieren von Uhrwerken und Zubehörteilen. Das Handwerk des Uhrmachers verweist zudem darauf, dass sich das Handwerk in großem Maße um Nachhaltigkeit in unserer Gesellschaft bemüht. In der Exempla 2018 wird der Schweizer Uhrmacher Svend Andersen aus Genf zusammen mit Marc Jenni aus Zürich eine Auswahl von Uhren präsentieren und die Fertigung in einer lebenden Werkstatt demonstrieren.

Individualität im Handwerk
Wenn Goldschmiedearbeiten eigens für eine Kundin angefertigt oder sie passend zu einer bestimmten Person ausgewählt werden, spielt persönlicher Geschmack und Individualität eine entscheidende Rolle. Das Goldschmiedehandwerk ist ein Paradebeispiel für das Thema Individualität im Handwerk. In der Exempla 2018 wird die in Italien lebende Goldschmiedin Jacqueline Ryan ihre international renommierten Schmuckarbeiten vorstellen.

Familienbetriebe
Ein zweiter Beitrag aus Japan steht stellvertretend für das Thema Familienbetrieb. Der junge Silberschmied Koichi Io aus Tokio fertigt mit traditionellen Schmiedetechniken, die er in der Werkstatt seines Vaters erlernte, kraftvolle Meisterwerke der zeitgenössischen Silberschmiedekunst.

Mit dieser Auswahl möchte die "Exempla" einen Beitrag zum Europäischen Kulturerbejahr 2018 erbringen und zugleich auf das Handwerk in seiner kulturellen Bedeutung hinweisen.


Wolfgang Lösche             Dr. Angela Böck



PfeilZur Startseite   Diese Seite DruckenDiese Seite drucken