Einführung

Die Sonderschau „Exempla“ der Internationalen Handwerksmesse in München hat die Aufgabe, durch jährlich wechselnde Themen aktuelle Tendenzen im Handwerk einem breiten Messepublikum vorzustellen und dabei herausragenden Handwerksbetrieben und handwerklichen Gestaltern eine wirksame und imagefördernde Präsentation zu ermöglichen. Die Themen der Exempla sollen beispielgebend und dem Handwerk immanent sein. Die Qualität der ausgestellten Exponate und die Darstellung einer handwerklichen Umsetzung in Form von lebenden Werkstätten sollen zu einem tieferen Verständnis für das Handwerk führen. 2019 wird die Sonderschau das Thema „Textil – Stoff der Zukunft“ präsentieren. Es gibt kaum einen Sektor des Handwerks und Kunsthandwerks, der innovativer und experimentierfreudiger ist, als die Textilgestaltung und Textilherstellung.

Textile Techniken gehören zu den großen Traditionen im Handwerk. Sie begleiten den Menschen seit Jahrtausenden. Textilien prägen einen wesentlichen Teil unserer Alltagskultur, vom Teppich über Kleidung bis hin zu Hightech-Textilien, die heute viele Funktionen übernehmen und in die Zukunft weisen. Die Geschichte des Textils war und ist immer mit Innovationen verbunden. Die Erfindung des Webstuhles zur Herstellung von Stoffen ist ein Meilenstein in der Evolutionsgeschichte aller Kulturen und nicht zuletzt gilt der Jacquard-Webstuhl, der im 18. Jahrhundert erfunden wurde, dank seines Lochstreifenprinzips als erster Computer. Im Handwerk sind es auch die Rekonstruktionen textiler Raumdekorationen, wie Stofftapeten und Wandbespannungen, die in der Denkmalpflege hochspezialisierte Kenntnisse erfordern. Oft müssen dafür wissenschaftliche Recherchen gemacht und altes Wissen mit neuer Technologie verknüpft werden. Die Fondazione Arte della Seta Lisio aus Florenz und eschke seidenmanufaktur aus Crimmitschau sind zwei der letzten Seidenwebereien, die diese Technik beherrschen und in der Exempla 2019 ausstellen.

Textilien gehören auch zu den ältesten Baustoffen der Menschheit. Sie verhüllen, bilden Raum, schützen, trennen, verbinden und schmücken. Heute bieten textile Konstruktionen und Membranen neue architektonische Gestaltungsmöglichkeiten und Funktionalitäten, als Werkstoffkomponenten eröffnen Textilien vielversprechende Forschungs- und Experimentierfelder zur Entwicklung neuer Bauelemente und Konstruktionsweisen. Die Exempla 2019 wird das Thema in verschiedenen Kapiteln darstellen: Historie, Techniken, Ausbildung, Raumgestaltung, Architektur, Mode und Textilkunst sind die Bereiche, die durch die Aussteller und ihre lebenden Werkstätten vermittelt werden.

Historie
Die historische und repräsentative Bedeutung, die luxuriöse, äußerst teure Seiden- und Brokattapeten in Schlössern und auf Adelssitzen einst hatten, zeigt sich heute deutlich bei Rekonstruktionen in der Denkmalpflege. Nur wenige Betriebe sind inzwischen in der Lage diese hochkomplizierten Textilien anzufertigen. Die Kosten dafür sind enorm hoch und verschlingen oft ein Vielfaches im Vergleich zu anderen Aufgaben in der Denkmalpflege. Die seidenmanufaktur eschke aus Crimmitschau produziert z. B. heute noch Rekonstruktionen historischer Stofftapeten und war bereits u. a. in Potsdam, Wien, Salzburg und München für die Denkmalpflege tätig.
Auch die Restaurierung alter anatolischer Kelims verlangt großes handwerkliches Geschick und Wissen. Bayram Düzgün aus der türkischen Teppichstadt Konya wird seine spezielle Technik der Teppichrestaurierung in der Exempla 2019 in einer lebenden Werkstatt erklären.

Techniken
Textile Techniken wie das Weben, das Stricken und Sticken oder der Stoffdruck werden durch international bekannte Textilkünstler in der Exempla 2019 vorgestellt. Die Stoffdruckerin und Malerin Ida Helland-Hansen gehört zu den Stars der norwegischen Textilszene mit Aufträgen für Regierungsgebäude und dem öffentlichen Raum. Die Weberin Katja Stelz aus Mecklenburg-Vorpommern vertritt jene Generation junger Handweberinnen, die beim Publikum durch ihre individuellen zeitgemäßen und klaren Stoffentwürfe für Teppiche, Decken und Kissen Anerkennung finden.

Ausbildung
Die Exempla 2019 wird auch das Thema Ausbildung in textilen Berufen aufgreifen und dafür stellvertretend die Hochschule in Hof mit ihrem Campus in Münchberg in Oberfranken einladen, die für ihre experimentellen Schülerarbeiten bekannt ist. Drei Absolventinnen dieser Hochschule, Franziska Pöppl, Talisa Langenfelder und Tanja Zimmerer werden in der Exempla 2019 das Ergebnis ihrer Bachelorarbeiten vorstellen. Die Kunsthochschule in Bergen, Norwegen, wird ebenfalls durch Studenten und deren Arbeiten repräsentiert: So zeigt die Dänin Amalie Leth Hornemann Materialmanipulationen, die in organischen Formen enden.
Søren Krag Nielsen dagegen arbeitet mit einem digitalen Jacquardwebstuhl und Daniela Bergschneider zeigt freie skulpturale Textilarbeiten, die wie Gewächse oder Pflanzenwucherungen wirken.

Raumgestaltung
Das große und breitgefächerte Thema der textilen Raumgestaltung wird mit Unterstützung des Raumausstatterhandwerks durch die Firma Rieder aus Hausham dargestellt. Das skandinavische Stoffdesign der Firma Kvadrat, das akustische Funktionen übernimmt, wird dabei ebenso gezeigt, wie das klassische Handwerk des Polsterers, das Günter Hammerschall aus München in einer lebenden Werkstatt demonstriert.

Architektur
Den innovativsten Teil der Exempla 2019 werden neue textile Strukturen darstellen, wie sie in der Architektur bereits angewandt und für zukünftiges Bauen an Hochschulen heute entwickelt werden. Sie bieten Ideen für die Zukunft, die auch für eine Anwendung im Handwerk von Bedeutung werden können. Übergeordnet geht es dabei um nachhaltiges Bauen und um Leichtbau in der Architektur und neue Werkstoffe für zeitgenössisches Bauen. An der Frankfurter University of Applied Sciences und am Frankfurter Forschungsinstitut FFin wird seit einigen Jahren das Thema „Textiler Leichtbau“ gelehrt. Für das Bauwesen bieten nach Meinung des Frankfurter Institutes gewebte, geflochtene, gestrickte oder gewirkte Textilien bisher ungeahnte Möglichkeiten. In der Exempla 2019 wird ein neues Projekt aus Frankfurt zum Thema Abstandstextilien vorgestellt. So auch die von den Studierenden der Kunsthochschule Berlin Weißensee, Natascha Unger und Idalene Rapp geschaffenen, auf Basalt-Endlosfasern basierenden Objekte. Die hierbei eingesetzten Fasern werden aus Vulkangestein durch Schmelzprozesse bei 1400°C gewonnen und lassen sich zu weichen Fasern, Vliesen oder Geweben verarbeiten. In der Exempla 2019 werden mit Harz getränkte und stabilisierte Module aus Basaltfasern zu raumgreifenden Skulpturen aufgebaut. Basaltgestricke fertigt auch die in Mühlhausen in Thüringen ansässige Strickerei Peterseim. Diese Gestricke finden ihren Einsatz im Schutz von Unterwasseranlagen gegen Algenbefall. Das wohl spektakulärste Exponat der Exempla 2019 ist ein zwölf Meter langer Pavillon aus Glas- und Karbonfaser, gebaut von einem Roboter, unter Zuhilfenahme von Drohnen. Als Forschungspavillon 2016-2017 wurde er vom Institut für Tragkonstruktionen und Konstruktives Entwerfen und dem Institut für Computerbasiertes Entwerfen und Baufertigung der Universität Stuttgart realisiert. Wie textile Strukturen in der Architektur auch einsetzbar werden, zeigen die Modelle von Katrin Leitner und Corinna Wiest vom Lehrstuhl für Tragwerksplanung der technischen Universität München. Beide beschäftigten sich während des Studiums mit hybriden Strukturen aus elastischen Bauteilen und Membranen.

Mode
Textilien sind der Stoff aus dem Mode gemacht wird. So soll in der Exempla 2019 auch dieser Bereich seine Berücksichtigung finden. Eingeladen ist dazu der Hamburger Herrenmaßschneider Sandro Dühnforth. Er wird sein klassisches Handwerk in einer lebenden Werkstatt vorführen. Außerdem zeigt die in Paris lebende Schweizerin Cécile Feilchenfeldt ihre extravagante Strickmode. Wie aus Trachten neue, aktuelle Modeaccessoires entwickelt werden können, zeigt Christine Gerg aus Wallgau bei Mittenwald. Sie strickt leidenschaftlich und mit großer Kunstfertigkeit Wadenstrümpfe für Männer und Röcklinge für Frauen.

Textilkunst
Wie Textilkunst im 21. Jahrhundert aussehen kann, wird ein eigenes Kapitel der Exempla veranschaulichen. Ausgewählte Künstler und Künstlerinnen von internationalem Rang präsentieren dabei Arbeiten, die auf den starken Wirkungen des Materials aufbauend ihren Reiz entfalten. Die japanische Textilkünstlerin Machiko Agano wird für die Exempla 2019 eine textile Skulptur aus verspiegelter Folie entwerfen, Michael Brennand Wood aus England ist für seine großformatigen Stickcollagen bekannt. Er hat sich bereits in jungen Jahren der Kunst des Stickens verschrieben und damit internationale Erfolge gefeiert.

Die Exempla 2019 wird einen erlebnisreichen Rundgang durch die Welt der unterschiedlichsten Textilien bieten und aufzeigen, wie wichtig dieser Bereich in unserem Alltagsleben aber auch für spezielle Anlässe oder Anforderungen sein kann. Sie soll so zu einem tieferen Verständnis für das Handwerk und seine Prozesse bei der Produktion führen. Die ausgewählten Handwerksbetriebe und Gestalter sind dabei Stellvertreter ihres Faches, die sich durch hohes handwerkliches und gestalterisches Können auszeichnen und für ein Handwerk stehen, das selbstbewusst von sich behaupten kann, dass es weiß, wie die Qualität im Handwerk zu gestalten ist.


Wolfgang Lösche             Dr. Angela Böck



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